Die fragen, die es am meisten betrifft

Zukunftswerkstatt mit erwerbslosen Menschen

20. – 22. September 2021, Stuttgart

Bericht
Ideen / Wünsche / Forderungen
Youtube-Aufzeichnung der Präsentation auf der Proarbeit sozial 2021
Impressionen

 „Wir sind nicht Euer Bild von uns in Euren Köpfen“

Langzeitarbeitslose haben in einer dreitägigen Zukunftswerkstatt Jobcentermaßnahmen bewertet und Ideen, Wünsche und Forderungen für aus ihrer Sicht bessere Rahmenbedingungen entworfen. Die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt werden auf der Pro Arbeit sozial am 12.10.2021 in Stuttgart vorgestellt. Am Ende der Zukunftswerkstatt hat sich eine „Interessensgemeinschaft Langzeitarbeitsloser“ gegründet, die der Stigmatisierung erwerbsloser Menschen entgegenwirken und für die Interessen langzeitarbeitsloser Menschen eintreten will.

ZW Gruppe 72 8052

Was ist das Ziel dieser Zukunftswerkstatt?

Aktuell werden arbeitsmarktpolitische Maßnahmen ohne die Beteiligung Betroffener entwickelt. Wir wollten diejenigen zu Jobcentermaßnahmen befragen, die es am meisten betrifft. Erwerbslose Menschen sollen als Experten/-innen Maßnahmen bewerten und, die aus ihrer Sicht optimalen Rahmenbedingungen entwerfen. Die Jobcenter sollen motiviert werden, die Perspektive und Bedürfnisse von Maßnahmenteilnehmenden bei der Konzeption arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen stärker zu berücksichtigen und damit Betroffene zu Beteiligten zu machen. Der Wert der Beteiligung Betroffener soll ins Bewusstsein gehoben werden.

Wer hat teilgenommen?

22 erwerbslose Frauen und Männer aus dem Großraum Stuttgart, die Erfahrungen mit Hartz IV-Bezug haben, bereits an Jobcentermaßnahmen teilgenommen haben oder sich aktuell in einer Maßnahme befinden.

Was ist eine Zukunftswerkstatt?

Die Zukunftswerkstatt ist eine von den Zukunftsforschern Robert Jungk, Rüdiger Lutz und Norbert R. Müllert begründete Methode, die Phantasie anzuregen und mit neuen Ideen Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu entwickeln. Sie wird idealerweise an drei aufeinander folgenden Tagen durchgeführt. Am Tag 1, in der Kritikphase, werden alle negativen wie positiven Erfahrungen gesammelt und dokumentiert. Am Tag 2, in der Phantasiephase, soll kreativ und utopisch gedacht und ideale Szenarien entworfen werden. Am Tag 3, in der Verwirklichungs- oder Praxisphase, werden die beiden ersten Phasen miteinander verknüpft und abgeschätzt, was tatsächlich realisierbar ist.

 

Und so verlief die Zukunftswerkstatt

„Helft uns dabei, aus uns zu machen, was in uns steckt!“

Tag 1 Kritikphase

Zu Beginn haben die 22 Teilnehmenden ihre Erwartungen an die Zukunftswerkstatt, an Jobcenter, Politik und Gesellschaft formuliert. Viele haben ihren Glauben an das Jobcenter verloren und wünschen sich eine echte und realistische Zukunftsorientierung, dass man sie als Menschen und nicht als Verwaltungsobjekte behandelt. Dass die Jobcentermitarbeitenden wirklich zuhören, dass es Mitgestaltungsmöglichkeiten und Mitspracherecht auf Augenhöhe gibt. In Richtung Gesellschaft und Politik wurde der Wunsch nach Wirkung, Gehör, Gerechtigkeit und fairer Wahrnehmung für die Sorgen und Bemühungen Erwerbsloser formuliert.

Wir sind nicht Euer Bild von uns in Euren Köpfen“, sagte Heiner Moser.
Helft uns dabei, aus uns zu machen, was in uns steckt“, sagte Monika Seltmann.
Wir wollen unseren Glauben an das Jobcenter erneuern, Maßnahmen müssen in die Zukunft zeigen“, Melanie Sussmann.
Das Jobcenter sollte ab sofort Zukunftscenter oder Fördercenter heißen“, Robert Matanovic.

In der sehr energiegeladenen Atmosphäre wurden viele Kritikpunkte benannt, aber auch Dinge, die jetzt schon gut laufen.

Tafel Erwartungen Positiv und Negativ web

Hier die Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Kritikphase

zusammenfassung

„Langzeitarbeitslose träumen nicht mehr.
Wir haben die Träume verloren!“

Tag 2 Phantasiephase

So energiegeladen der erste Tag begann und endete, so schwierig und verhalten startete der zweite Tag. Lange Zeit lag eine gedämpfte Stimmung und Lähmung über den Teilnehmenden.

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Langzeitarbeitslose träumen nicht mehr“, brachte es die Teilnehmerin Melanie Wolff auf den Punkt.

Andere äußerten: „Wir wurden so noch nie gefragt!“, „darf man sich das wünschen?“

Wenn man seine Erwartungen runterschraubt, dann wird man nicht so enttäuscht, wenn es nicht klappt. Und wir wurden schon oft enttäuscht“, so Guido Heinemann.

Statt frei und ohne Beschränkungen zu träumen und sich die Welt der Jobcentermaßnahmen so auszumalen, wie man sie sich wünscht, wurden Ideen und Phantasien verhalten und innerlich eingeschränkt bereits als realistische Forderungen formuliert. Die Wahrnehmung dieser verhaltenen Fähigkeit zu träumen wurde thematisiert und löste Betroffenheit aus. Trotz allem wurden am Ende des Tages drei Pinnwände prall mit Wünschen, Ideen, Forderungen, Visionen und Anregungen gefüllt.

Tafel Traeume web

„Für uns sind kleine Träume groß!“

Tag 3 Realisierungsphase

Es wurde viel Zeit darauf verwendet, die vielen Ideen und Wünsche übersichtlich in Themenfelder zu bündeln. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Viele konstruktive Ideen liegen nun zur weiteren Bearbeitung auf dem Tisch und werden hoffentlich die Betroffenen selbst und die Mitarbeitenden in den Jobcentern motivieren, die Rahmenbedingungen für Maßnahmen und die Zusammenarbeit zwischen Erwerbslosen und Jobcentermitarbeitenden zu verbessern. Eines ist überdeutlich geworden: Es lohnt sich die Betroffenen zu beteiligen, sie können als Experten/-innen wertvolle Expertise beitragen.

Ideen / Wünsche / Forderungen

 

Youtube-Aufzeichnung der Präsentation
auf der Proarbeit sozial 2021

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Impressionen

Momentaufnahmen von der Zukunftswerkstatt. Zum Vergrößern ein Bild anklicken.